Im Januar 2003 beschloss der Attac-Ratschlag in Göttingen, ein grundsätzliches Positionspapier "für eine ökologische und solidarische Weltwirtschaftsordnung" zu erarbeiten und nach gründlicher Diskussion in den lokalen und Arbeitsgruppen von Attac auf dem Ratschlag im Frühjahr 2004 zu verabschieden. Eine spezielle Arbeitsgruppe AWWO (Alternative Weltwirtschaftsordnung) und einen Entwurf erarbeitet, an dessen Erstellung mehr als ein Dutzend Attac-Mitglieder verschiedener "Strömungen" und Arbeitszusammenhänge beteiligt waren.

Hier findet sich das vollständige und verabschiedete Papier:
http://www.praxisphilosophie.de/attacwwo.pdf

Zum Kapitel 3 "Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung" gab es drei unterschiedliche Positionen:

SYSTEM-KONTROVERSE: Streben wir eine weltweite öko-soziale Marktwirtschaft an,
wollen wir eine ökologische Wirtschaftsdemokratie durchsetzen oder treten wir für eine demokratische Systemalternative ohne Marktwirtschaft ein?


Position Öko-soziale Marktwirtschaft:

Es gilt, das Zusammenleben der Menschen auf unserem begrenzten Planeten Erde zu gestalten. Dazu müssen solche Regeln gefunden und mit Leben erfüllt werden, welche die unzählbaren individuellen Bedürfnisse, Wünsche und Ideen in Einklang bringen mit wenigen, wohl
bestimmten Prinzipien von Gerechtigkeit. Diese Regeln müssen der Freiheit verpflichtet sein, zwischen zahlreichen Verwirklichungschancen zu wählen. Sie sollen darauf zielen, die Zahl der Wahlmöglichkeiten zu erhöhen: Das bedeutet
nicht zuerst, mehr Verwirklichungschancen zu schaffen, sondern vor allem, die Auswahl allen Bürgerinnen und Bürgern zugänglich zu machen. Dies ist eine Form des Leitbildes der Nachhaltigkeit.
Dazu bedarf es eines handlungsfähigen Sozialstaates. Er sichert die Teilhabechancen der Individuen für alle Lebensbereiche, vor allem durch die Bereitstellung öffentlicher Güter und Dienstleistungen. Um die Tendenz zu Zentralbürokratien zu beschränken, muss der Sozialstaat demokratisch und rechtsstaatlich sein, insbesondere einen wirkungsvollen Minderheitenschutz gewährleisten.
Demokratie und Rechtsstaat werden in den zahlreichen Gruppen lebendig, welche allgemeine Interessen des Umwelt-, Gesundheits- und Verbraucherschutzes, der sozialen oder gesellschaftlichen Teilhabe, Vielfalt, Aufklärung vertreten. Ein so verstandenes Rechtsstaatsprinzip schließt nicht zuletzt die gesellschaftliche Einbettung der Geldpolitik ein.
Menschliches Zusammenleben, welches dem Leitbild der Nachhaltigkeit durch eine lebendige Zivilgesellschaft, durch eine ebenso streitbare wie kompromissfähige Demokratie, durch einen handlungsfähigen Rechts- und Sozialstaat Gestalt gibt, soll nicht auf die Vorzüge des Wettbewerbs verzichten. Unter jenen Voraussetzungen sind Wettbewerb und Märkte kraftvolle Instrumente, die eine große Anzahl von Informationen in kurzer Zeit aufbereiten und verbreiten können, innovative Dynamik freisetzen und Entscheidungen koordinieren. Zugleich bietet die beschriebene, handlungsfähige öffentliche Hand die besten Voraussetzungen für eine stabile Wirtschaftsentwicklung, ggf. unterstützt durch eine geeignete Konjunkturpolitik.

Gesellschaften, welche auf die Nutzung von Marktkräften verzichten, gleichen einem hochgradig verkalkten Kreislauf, ebenso wie jene, die auf starke öffentliche Prinzipien verzichten, einem Kreislauf mit extremem Bluthochdruck und Herzrasen entsprechen. Die öko-soziale Marktwirtschaft steht dagegen für ein Gleichgewicht, welches viele Lebensjahre bei guter Gesundheit verspricht.


Position Ökologische Wirtschaftsdemokratie (demokratische Rahmenplanung, egalitäre Marktwirtschaft, Mitarbeitergesellschaften):

Die sogenannte soziale Marktwirtschaft ist ihrem Wesen nach eine Variante des Kapitalismus: In ihm dominieren die Interessen privater Kapitaleigner vor entgegengesetzten gesellschaftlichen Bedürfnissen. Es gilt, die kapitalistische Wirtschaftsordnung in Richtung einer „ökologischen Wirtschaftsdemokratie“ zu transformieren. Diese trägt zum einen dafür Sorge, dass die wirtschaftliche Entwicklung nur in den ökologisch verantwortbaren Grenzen erfolgt. Zum anderen soll gewährleistet werden, dass die ökonomische bzw. gesellschaftliche Entwicklungsrichtung durch den Ausbau von Partizipation und Planung den Bedürfnissen der BürgerInnen – der Beschäftigten und der KonsumentInnen – Rechnung trägt.
Der Steuerungsmechanismus der Wirtschaftsdemokratie ist ein Mix aus Marktmechanismus und demokratischer Rahmenplanung; Innovations- und Effizienzvorteile von Märkten werden gezielt genutzt. Insgesamt geht es aber darum, die offenkundigen Defizite der Marktsteuerung durch eine ökonomisch-ökologische Rahmenplanung auszugleichen. Diese greift nicht unmittelbar in die Investitionsautonomie der Einzelunternehmen und in die Tarifautonomie der Tarifpartner ein, sondern steuert indirekt über die Vorgabe und Kontrolle von mittelfristigen Zielvorgaben: z.B. zur Erreichung von CO2-Reduktionszielen, zur schrittweisen, aber starken Reduzierung und Umverteilung von Erwerbsarbeit, zur Finanz- und Investitionsplanung der öffentlichen Hände und (in der BRD) zur wirtschaftlichen Angleichung der neuen und alten Bundesländer. Eine demokratiekonforme Wirtschaftsordnung ist nur möglich, wenn es keine Machtkonzentrationen gibt, die politische, kulturelle und ökonomische Freiheit einschränken und verunmöglichen. Nichtdiskriminierung muss als Grundprinzip einer freien Gesellschaft endlich auch auf die gesamte Wirtschaftsordnung angewendet werden. Der Wechsel von einer hierarchischen Marktwirtschaft zu
einer egalitären Marktwirtschaft ist radikal, kann aber schrittweise herbeigeführt werden: Von der Abschaffung des Grundrechtsschutzes für Kapitalgesellschaften und der Auflösung des Geflechtes von Staat und Konzernen über die Aufhebung des herrschenden Patent- und Markenrechts bis zur Abschaffung des Aktiengesellschafts- und Konzernrechts.
Die Politik der egalitären Marktwirtschaft verlangt und ermöglicht eine Neudefinition von Staat und Markt: Die Staatsmacht muss in dem Sinn beschränkt werden, dass es den Staatsorganen untersagt wird, die Entstehung wirtschaftlicher Machtkonzentrationen zu legitimieren, zu subventionieren oder sonstwie zu fördern. Die Staatsmacht muss gleichzeitig in dem Sinne gestärkt werden, dass sie das formale Recht und die materielle Möglichkeit bekommt, um bestehende Wirtschaftskonzentrationen aufzulösen und ihre Entstehung zu verhindern.
Die Demokratisierung der Wirtschaft bezieht sich auch auf die einzelnen Unternehmen. Diese bleiben autonom in ihren Entscheidungen und produzieren für den Markt. Auf den Anreiz des Gewinnstrebens wird nicht verzichtet. Eine progressive Beteiligung der Beschäftigten am Gewinn des eigenen Unternehmens (Investivlohn) könnte sie schrittweise zu Miteigentümern an ihren Unternehmen machen und mit einem gleichzeitigen Ausbau ihrer Mitbestimmungs- und Mitentscheidungsrechte im Unternehmen verknüpft werden. Für den Bereich der Großunternehmen bzw. Konzerne ist das Instrumentarium der Entflechtung neu anzuwenden und – sofern dafür gesellschaftliche Bewegungen streiten – sind Großunternehmen in Belegschaftseigentum zu überführen (Vergesellschaftung).
So umfasst eine ökologische Wirtschaftsdemokratie eine Vielfalt von Eigentumsformen: vom Privateigentum, insbesondere bei kleinen und mittleren Unternehmen, über kommunales Eigentum (z.B. Stadtwerke) bis hin zu genossenschaftlichem bzw. Belegschaftseigentum (Mitarbeitergesellschaften).


Position Demokratisches Wirtschaften (Überwindung des Marktes zugunsten
38 von Demokratisierung der Ökonomie):

Ausgangspunkt ist die Analyse, dass die von Attac kritisierten globalen sozialen, ökologischen und politischen Missstände primär aus der kapitalistischen Produktionsweise resultieren. Zur Überwindung der globalen Missstände ist daher die Überwindung des kapitalistischen Wirtschaftssystems erforderlich. Die Diskussion dreht sich u.a. um die Frage, wie die folgenden Ziele
• die Überführung des Privateigentums an Produktionsmitteln ins Gesellschaftseigentum, d.h. die inner- und zwischenbetriebliche Demokratisierung der Unternehmen;
• die Überwindung der Warenproduktion und damit der Marktsteuerung;
• die Abschaffung der Lohnarbeit und damit die Abschaffung des Arbeitsmarktes;
• die Umwandlung des Profit- in das Bedarfsprinzip;
langfristig sinnvoll durchgeführt werden können. Wenn der Markt durch eine Planung der Produktion ersetzt wird, stellt sich die Frage, wie die Sackgasse einer zentralistischen Kommandowirtschaft (wie ehemals in der DDR und heute in den kapitalistischen TNK praktiziert) vermieden werden kann.
Die partizipative Ökonomie basiert auf den Erfahrungen der Kooperativ- und Genossenschafts-bewegung mit selbstbestimmter, nicht-entfremdeter Arbeit und Belegschaftseigentum
Diese Erfahrungen gilt es auszubauen zu einer gesellschaftlichen (d.h. je nach Betroffenheit bzw. Interesse der Bevölkerung lokalen, regionalen bis hin zu globalen) Entscheidungsfindung darüber, was, wie, wie viel, wo und wann produziert und verteilt wird
Die freie Software-Bewegung fußt auf der Schöpfung des modernen Betriebssystems Linux in dezentraler, nicht-lohnförmiger Selbstorganisation und Koordination über das Internet. Zudem hat vollautomatische Produktion zu einem Überfluss an materiellen Gütern geführt, und Wissen wird zum entscheidenden Produktionsfaktor. Damit überholt sich auch eine geld- und marktförmige Verteilung. Mikroelektronische Revolution und Robotik bieten die Möglichkeiten, die meisten der direkten Gebrauchsgüter direkt vor Ort zu produzieren, die Produktion zu dezentralisieren.
Zukünftig wird zu diskutieren sein, ob beide Vorstellungen zu einer tragfähigen überlegenen Systemalternative weiterentwickelt werden können. Eine solidarische, gebrauchswert-basierte Ökonomie würde zudem Erziehungs-, Pflege- und Beratungstätigkeiten und dem Schutz natürlicher Lebensgrundlagen die notwendige stärkere Gewichtung ermöglichen, die ihnen heute durch die Marktmechanismen verweigert wird.
In Abschnitt III.1-5 werden vor allem Reformmaßnahmen vorgeschlagen. Diese können genutzt werden, um über die Reformfähigkeit der gegenwärtigen Ökonomie aufzuklären: Gelingt es, eine positive Reformdynamik in Gang zu setzen? Oder bedeutet „Reform“ unter kapitalistischem Vorzeichen immer „ein Schritt vor, zwei Schritte zurück“, weil jeder echte Verbesserungsvorschlag sofort an die Systemgrenzen stößt und nur eine grundlegende Alternative überhaupt Realisierungschancen hat? Eine solche wird nicht nur über Reformforderungen, sondern wesentlich durch soziale Bewegungen und alternative Praxis erkämpft.