Keine Arbeit durch Wachstum

Das Institut für Wachstumstudien veröffentlicht in Ihrer Zeitschrift Ausgabe 6(2010) einen Artikel mit dem Titel "Keine Arbeit durch Wachstum" von Kay Bourcarde und Christian Tripp.

Daraus der Vorspann:

„Wachstum schafft Arbeit“1 – mit diesem Slogan brachte Bundeskanzlerin Angela Merkel im vergangenen Bundestagswahlkampf den Stellenwert von Wirtschaftswachstum für ihre Arbeitsmarktpolitik auf den Punkt. Sie befindet sich damit nicht nur im Einklang mit den Vorstellungen der meisten anderen Parteien, sondern auch mit dem „Mainstream“ der Wirtschaftswissenschaften, der Wachstum zumeist als Voraussetzung für die Schaffung oder zumindest den Erhalt von Arbeitsplätzen sieht. Wie unwahrscheinlich es ist, den langfristigen linearen Wachstumstrend der deutschen Volkswirtschaft zu verlassen und so tatsächlich noch ein beschäftigungswirksames Wirtschaftswachstum zu erreichen, bleibt meist unbeachtet.
Dabei zeigt doch das abgelaufene Jahrzehnt, dass keine Arbeit durch mehr Wachstum geschaffen werden konnte, sondern sich vielmehr ein sinkendes Arbeitsvolumen auf mehr Erwerbstätige verteilt hat. Der Preis hierfür ist allerdings ein zunehmend von Unsicherheit geprägter Arbeitsmarkt. Angesichts des demographischen Wandels erscheint für die Zukunft eine auf Wachstum basierende Arbeitsmarktpolitik noch weniger einleuchtend: Selbst wenn wider Erwarten ein dauerhaft höheres Wachstum erreicht werden könnte, so die abschließende These des Aufsatzes, würden hiervon wahrscheinlich vor allem jene Gruppen profitieren, die ohnehin am wenigsten von Arbeitslosigkeit betroffen sind.

zum Artikel

900 Millionen arme Jobber

Trotz Wachstums der Weltwirtschaft um insgesamt über neun Prozent in den beiden letzten Jahren stagniert die Zahl der weltweit registrierten Arbeitslosen bei 197 Million.

Artikel aus der taz vom 24. Januar 2012

Analyse des Wirtschaftswachstums
 

Zusamendfassend haben wir folgende hauptsächlichen Ursachen für die Schäden des immerwährenden Zwangs zum Wirtschaftswachstum festgestellt. In den Unterkapiteln sind weiterführende Dokumente dafür aufgeführt.

1. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP), seinen Komponenten, seinen Schwächen aber auch alternative Meßgrößen.
2. Die exponentielle Steigerung des Wachstum und seine Endlosigkeit und damit Unmöglichkeit.

3. Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Kapitalismus.
Der gravierendste Defekt des Kapitalismus, der ihn in einen unauflöslichen Widerspruch zu Nachhaltigkeit versetzt, ist seine Wachstumsdynamik.

Es ist keineswegs nur so, dass die habgierigen KapitalistInnen immer mehr haben wollen. Die brutale Konkurrenz zwingt sie vielmehr dazu, zu versuchen, immer mehr anzuhäufen (zu „akkumulieren“). Und weil sie gezwungen sind, immer größere Investitionen zu tätigen, um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen sie zudem nach immer größeren Märkten Ausschau halten oder solche schaffen. „Wachse oder weiche“ ist ein unerbittliches Gesetz im Kapitalismus. Da kein Unternehmer weichen will, erzeugt es einen Wachstumszwang. Im Kapitalismus können nur dann alle Unternehmen einen Profit erwirtschaften, wenn die Wirtschaft als Ganzes wächst. Das befriedigende Funktionieren einer kapitalistischen Wirtschaft ist so stark von ihrer ständigen Expansion abhängig, dass selbst eine Wachstumsrate unter 2% als Krise angesehen wird.

Eine Erweiterung dieses Themas ist die reine Finanzökonomie, wo zur Vermehrung des Geldes keine Produktion mehr nötig erscheint, sondern Geld durch Spekulation und Derivaten von Vermögenswerten zu mehr Geld gemacht wird.
Schließlich führt der Druck Geldvermögen, das keine Anlagemöglichkeiten mehr findet, zur Privatisierung von Gütern und Trägern der Daseinsfürsorge.

4. Zusammenhang zwischen Wachstum und den fortschreitenden Mangel an Rohstoffen insbesondere Öl, Gas und Kohle, seltene Metalle.


Viele TheoretikerInnen der nachhaltigen Entwicklung glauben, Wirtschaftswachstum wäre trotz einer drastischen Reduzierung des Ressourcenverbrauchs möglich. Sie verwechseln offenbar Wachstum des Nutzens mit Wirtschaftswachstum. Man muß zwischen Wachstum und Entwicklung unterscheiden. Wenn sich zum Beispiel die Luftqualität verbessert, weil weniger Ressourcen verbraucht werden, dann steigt natürlich der Nutzen für die Menschen. Sie genießen die gute Luft und werden nicht mehr so oft krank wie zuvor. Aber KapitalistInnen sind als solche nicht an einer Verbesserung von Lebensqualität und an größerem Nutzen für die Menschen interessiert, sondern nur an Umsatzsteigerung und Profiterwirtschaftung. Umsatzzuwächse können entweder durch erhöhten Verkauf von Waren und Dienstleistungen oder durch höhere Preise erzielt werden. Aber die Wettbewerbsbedingungen machen es für gewöhnlich sehr schwierig, Profite zu erwirtschaften, indem man weniger zu höheren Preisen verkauft. Langlebige und leicht zu reparierende Produkte sind daher nicht im Interesse von KapitalistInnen. Eingebauter Verschleiß ist also für sie eine rationale Strategie.

5. Zusammenhang zwischen dem Verbrauch von fossilen Energieträgern und Klimaschädigung.
Der Einsatz von Kohle, Öl und Erdgas bei der Verbrennung und bei chemischen Prozessen1 führt zum Anstieg des CO2-Gehaltes der Atmosphäre mit der bekannten Folgen-Kette: Erwärmung der Erde, Abschmelzen der Gletscher, Anstieg des Meeresspiegels und wahrscheinlich katastrophale Veränderung der Lebensbedingungen für Flora und Fauna. Das bedeutet für große Teile der Weltbevölkerung eine Bedrohung der Lebensgrundlagen durch u.a. Überflutung, Dürre- und Hungerkatastrophen, Trinkwasserknappheit, epidemische Ausbreitung von Infektionskrankheiten.

6. Die technologische Vermeidung von Umweltschäden, wie etwa die CO2-Lagerung oder der Einbau von Filtern oder der Antrieb mittels Wasserstoff erfordern einen beträchtlichen Aufwand an Energie und Rohstoffen und ist daher nur sehr bedingt eine Lösung.

7. Während weltweit immer mehr Menschen ökonomisch und sozial völlig ausgegrenzt werden,läuft in den Industrieländern zurzeit gesellschaftspolitisch ein Prozess der Re-Feudalisierung: Einkommen und Vermögen konzentrieren sich mehr und mehr in den Händen einer kleinen Oberschicht. Das ist nicht zufällig, sondern ergibt sich direkt aus dem Profitstreben und dem Wachstumszwang. Auch noch so große Vermögen müssen sich weiter vermehren (verzinsen).

 

Eine gute zusammenfassende Beurteilung des Wachstumsproblems ergibt sich auch aus einem Gespräch von Christian Zeller mit Elmar Altvater

"Wer von der Akkumulation des Kapitals nicht reden will, soll zum Wachstum schweigen"