Décroissance(Latouche) 1

Décroissance (croître = wachsen, décroître = zurückwachsen, schrumpfen) ist eine Bewegung hauptsächlich in Italien, Frankreich und Spanien. Es gibt in Frankreich zB lokale Attac-Gruppen, die das Konzept der Décroissance vertreten und zu verwirklichen suchen. Latouche ist neben anderen ein wichtiger Theoretiker dieser Bewegung.
Während Tim Jackson und Matthias Schmelzer/Passadakis sich dem Problem der über seine Grenzen lebenden Menschheit mehr von ökonomischen Fragestellungen aus nähern, lehnt Latouche Ökonomie, Entwicklung, Modernisierung mit ihrem im Okzident entstandenen Bedeutungsinhalten insgesamt ab und entwirft die Utopie von einer Gesellschaft des frugalen Überflusses, von kleinen sich selbst genügenden Öko- oder Bioregionen mit bis zu 10.000 Menschen. Um diese zu verwirklichen, bedürfe es einer kulturellen Revolution. Um Latouche besser zu verstehen, muss man sich auch seine Kritik der Begriffe Entwicklung, Wachstum, Fortschritt, Technik, Moderne der westlichen Gesellschaften genauer anschauen: Seit der Aufklärung und seit der industriellen Revolution 1750 - 1800 in GB sei Entwicklung die immer bessere Unterwerfung und Beherrschung der Natur, die ständige Weiterentwicklung und Perfektionierung von Wissenschaft und Technik, die die Menschheit über ein stetiges Wirtschaftswachstum einer besseren Zukunft zu führen, das Versprechen "Glück für alle" einlösen soll. Es sei aber diese Entwicklung, die seit zwei Jahrhunderten unter den Schlagwörtern "Modernisierung", "Fortschritt" vom Okzident aus über den Planeten verbreitet worden sei und die die sozialen und ökologischen Probleme hervorgerufen habe, vor denen die Menschheit heute stehe. Das Versprechen "Glück für alle" sei nicht eingelöst worden, das Wirtschaftswachstum würde jedoch immer noch als Schlüssel für die Lösung der sozialen und ökologischen Probleme angesehen. Gesellschaften eines frugalen Überflusses seien nur möglich, wenn man sich befreie von diesem okzident-zentristischen Vorstellungen von Entwicklung, Fortschritt, Technik, Moderne (décoloniser l'imaginaire = die Vorstellungswelt Entkolonialisieren).
In seinen Publikationen verweist L häufig auf Nicholas Georgescu Roegen, André Gorz und Ivan Illich.

4 Thesen:

1. Die westlich geprägte Zivilisation mit ihrem Wachstumswahn lebt weit über die Möglichkeiten hinaus, die uns die Erde bietet. Sie zerstört die Lebensgrundlagen der Menschheit.

2. Die Abkehr vom Wachstum (décroissance) ist der einzige Weg, um die drohende Katastrophe zu vermeiden. Wie ist dies möglich?

3. Latouche sieht diese Möglichkeit in der konkreten Utopie einer Gesellschaft des Nicht-Wachstums, im Aufbau autonomer und konvivialer (solidarischer) Gesellschaften eines frugalen Überflusses 2). (société d'abondance frugale). Wie ist der Zustand eines frugalen Überflusses zu erreichen? Indem die Ansprüche reduziert werden, und zwar so weit, dass sie mit den von der Natur gesetzten Grenzen im Einklang stehen.

4. Der Aufbau autonomer und konvivialer (solidarischer) Gesellschaften eines frugalen Überflusses hat keine Chancen verwirklicht zu werden ohne eine große kulturelle Umwälzung, ohne einen Wandel in der Vorstellungswelt (changement de l'imaginaire).

Latouche beschreibt diese erforderlichen Umwälzungen mit seinen "neun R".

Umwerten réévaluer,

neue Konzepte entwickeln reconceptualiser,

umstrukturieren restructurer,

relokalisieren relocaliser,

umverteilen redistribuer,

reduzieren réduire,

wiederverwenden réutiliser,

recyclen recycler,

sich das Geld wieder aneignen se réapproprier l'argent.

(Im Französischen beginnen die neun Wörter alle mit einem "R").

Diese Aktionen / Umwälzungen sind von einander abhängig, mit einander systematisch verknüpft und verstärken sich gegenseitig in einem Wirkkreis von Ursache und Wirkung (cercle vertueux). Drei von diesen "neun R" haben eine strategische Bedeutung: Umwerten, weil dadurch jegliche Änderung bestimmt wird; Reduzieren, weil darin alles "Schrumpfen" (décroissance) zusammengefasst ist; Relokalisieren, weil das das tägliche Leben und die Arbeit von Millionen von Menschen betrifft.

 

Umwerten:

Altruismus statt Egoismus, Zusammenarbeit statt Konkurrenzwahn, Vergnügen am Gestalten freier Zeit und Ethos des Spielerischen. Statt Arbeitsbesessenheit, gemeinschaftliches Leben statt schrankenlosem Konsum, regionale statt globaler Wirtschaftsmodelle, Selbstbestimmung statt Fremdbestimmung, Freude über die Schönheit handwerklicher Fertigung statt industrielle Massenfertigung, schöpferisches Denken statt Effizienzdenken, Förderung zwischenmenschlicher Beziehungen statt Anbetung des Materiellen, etc.

Neue Konzepte entwickeln:

Der Wandel der Werte bringt eine neue Sicht auf die gesellschaftliche Realität. Neu gedacht, neu dimensioniert werden müssen die herrschenden Konzepte von Reichtum - Armut, Mangel - Überfluss, etc. Die Ökonomie verwandelt den natürlichen Überfluss in Mangel durch die Aneignung der Natur und deren anschließende Vermarktung und erzeugt so künstlich Knappheit und Nachfrage.

 

Umstrukturieren:

Den Produktionsapparat und die sozialen Beziehungen an den Wandel der Werte anpassen, was letztlich bedeutet, auch über den Ausstieg aus dem Kapitalismus nachzudenken.

Relokalisieren:

Jegliche Produktion für die lokalen Bedürfnisse, die lokal stattfinden kann, soll auch lokal organisiert werden. Waren- und Kapitalbewegungen über das Lokale hinaus müssen auf das unbedingt Notwendige beschränkt werden. Die Relokalisierung beschränkt sich nicht nur auf das Wirtschaftliche: Alle ökonomischen, politischen und kulturellen Entscheidungen, die lokal getroffen werden können, sollen dort auch entschieden werden. Die Politik muss auf eine überschaubare, menschliche Größe zurückgeführt werden, nur so ist demokratisches Regieren möglich.

Umverteilen:

Die Umstrukturierung der sozialen Beziehungen ist bereits Umverteilung. Umverteilung bedeutet die Aufteilung der Reichtümer und des Zugangs zu den Naturschätzen sowohl zwischen dem Norden und dem Süden, wie auch innerhalb jeder Gesellschaft zwischen den Klassen, den Generationen, den Individuen. Umverteilen wird sich positiv auf den Rückgang des Konsums auswirken, indem die Macht der globalen Konsumentenklasse eingeschränkt wird.

Die Umverteilung zwischen Nord/Süd wird eher bedeuten, dass man dem Süden weniger nimmt als dass man ihm mehr gibt.

Der ökologische Fußabdruck kann auch als eine Maßeinheit für die Zuteilung verschiedenster "Konsumscheine" (permis de consommer) verwandt werden.

Reduzieren:

Reduzieren bedeutet zu aller erst die Auswirkung unserer Art zu produzieren und zu konsumieren auf die Biosphäre zu verringern:

Verringerung von:

- Überfluss und Verschwendung

- gesundheitlichen Gefahren: statt dessen Prävention.

- Massentourismus: statt dessen immer weniger weit, immer seltener, immer weniger schnell und immer teurer reisen.

- Arbeitszeit: die Arbeit muss verteilt werden auf alle, die eine Arbeitsstelle haben wollen. Der Wechsel zu anderen Arbeitsaktivitäten soll ermöglicht werden. Die Zeitarbeitsfirmen sind in diesem Zusammenhang einAnfang, wenn sie in einem anderen Geist arbeiten. Die Menschen sollen sich freie Zeit nehmen können für politische Teilhabe, künstlerische Arbeit, Muße, das Leben zu genießen,...

Wiederverwenden / Recyclen:

Erforderlich ist die Verschwendung zu reduzieren, die Obsoleszenz zu bekämpfen sowie die nicht wiederverwendbaren Abfälle zu recyclen. Heute bereits existierende Entwicklungen zeigen, dass dies alles

möglich ist, leider fehlt der politische Wille dies auch breit zu realisieren.

Sich das Geld wieder aneignen

Lokale, alternative, bioregionale Geldsysteme entwicken. Übernahme der diesbezüglichen Forderungen von Attac.

 

Relokalisieren gehört zu den Maßnahmen unter den "neun R", die einen zentralen Platz innerhalb der konkreten Utopie der Décroissance einnehmen.

Décroissance ist vor allem ein lokales Projekt, d.h. wird in erster Linie lokal verwirklicht und lässt sich unmittelbar in ein politisches Programm herunter deklinieren. Latouche sieht eine ökologische Gesellschaft, die aus einem Netz von Ökoregionen besteht, deren einzelne wiederum aus vielen kleinen Kommunen besteht, die sich die Gemeingüter (commons) zurückerobern. Der gemeinsame Lebensraum (Größe) einer Ökoregion ist bestimmt durch seine Fähigkeit, koordiniert und solidarisch für das Gemeinwohl zu sorgen. In diesen kleinen Einheiten sieht L auch wieder Platz für lokale Schulen, Familienunternehmen, Lebensmittelgeschäfte, Kinos im Wohnviertel, für eine Verstärkung demokratischer Praktiken (Bürgerhaushalt) und dies im Gegensatz zu einem Leben, das darin besteht, zwischen großen Schulkomplexen, Industriezonen und Einkaufsmärkten auf der grünen Wiese zu pendeln. Ausdrücklich weist L in diesem Zusammenhang darauf hin, dass diese Ökoregionen keine abgeschlossene Mikrokosmen sein sollen und nichts mit identitaristischen Bewegungen zu tun haben.

Die Regionen müssen sich zunächst für eine Ernährungsautonomie einsetzen. Die Grundnahrungsmittel (Landwirtschaft, Gemüseanbau) sollten in der Region angebaut werden. Diese Selbständigkeit bedeutet jedoch keine vollständige Autarkie : es gibt Handel mit anderen Regionen, die sich auch für diesen Weg entschieden haben. Die Regionen müssen sich ebenfalls einsetzen für eine lokale Energieautonomie.

Innerhalb der Bioregionen werden lokale Währungen geschaffen. Um die Kaufkraft der Einwohner zu erhalten, soll der Geldfluss innerhalb der Region bleiben, wo auch die wirtschaftlichen Entscheidungen gefällt werden.

Relokalisierung bedeutet zusammenfassend weniger Transporte, transparente Produktionsketten, Anreize für eine nachhaltige Produktion und einen nachhaltigen Konsum, eine verringerte Abhängigkeit vom Kapitalfluss und von den TNUs, eine größere Sicherheit in jeder Bedeutung des Wortes.

L nennt zum Schluss dieses Kapitels eine Reihe von Ortschaften und Organisationen, die bereits versuchen, das Projekt der lokalen Décroissance zu verwirklichen, vor allem die Gemeinde Mouans-Sartoux (http://fr.wikipedia.org/wiki/Mouans-Sartoux)

 

Ein Wahlprogramm

 

Wohl wissend, dass die Regierungen, ob sie es wollen oder nicht, Diener des Kapitals sind, dass sie im besten der Fälle dessen Pläne nur abmildern, verlangsamen können, wenn sie gegen den Strom schwimmen wollen, entwickelt L ein Wahlprogramm. Die Verwirklichung des Décroissance-Programms hat kaum Chancen, beschlossen zu werden, ebensowenig Chancen verwirklicht zu werden ohne eine totale Umwälzung. Diese ist erst möglich nach einem Wandel der Vorstellungswelt (changement de l'imaginaire).

Wenn man nicht in den Terrorismus abdriften will, ist eine reformistische Politik nötig, vorausgesetzt, man behält die konkrete Utopie im Kopf.

1) Den ökologischen Fußabdruck auf die Größe eines Planeten oder noch darunter reduzieren, was der materiellen Produktion der Jahre 1960 -1970 entspricht. Wie? Massive Verringerung des Verbrauchs bei Transport, Energie, Verpackung, Werbung. Eine Rückkehr zum Lokalen und die Vermeidung von Verschwendung helfen.

2) In die Kosten des Transports durch entsprechende Steuern die durch ihn verursachte Umweltschäden einbeziehen.

3) Die Aktivitäten der Menschen (Reisen, Warentransport) relokalisieren.

4) Die bäuerliche Landwirtschaft wiederherstellen (lokale, saisonale, natürliche, traditionelle Produktion).

5) Die Produktivitätsgewinne in eine Reduzierung der Arbeitszeit und in die Schaffung von Arbeitsplätzen umwandeln, solange Arbeitslosigkeit existiert.

6) Die "Produktion" von zwischenmenschlichen Beziehungen vorantreiben wie Freundschaften, Bekanntschaften, dessen "Verbrauch" den vorhandenen Bestand nicht verringert, im Gegenteil.

 

7) Die Energieverschwendung um den Faktor 4 verringern (siehe: http://www.negawatt.org/)

8) Die Werbungsausgaben mit hohen Steuern belegen.

9) Ein Moratorium für wissenschaftlich-technische Erneuerungen verhängen, um Zeit für die Erstellung einer Bilanz und für eine Neuorientierung zu gewinnen.

10) Das Geld wieder in Besitz nehmen:

- die Aktivitäten der Banken beschränken

- den globalen Finanzmarkt aufteilen (recloisonner)

- die monetären Räume wieder aufteilen (refragmenter)

- die Verbriefung von Krediten verbieten

- Hebelwirkungen verbieten

- Termingeschäfte verbieten

- Auslandsgeschäfte mit klassischen Versicherungen absichern

- Entwicklung alternativer Geldsysteme (lokal, bio-regional); räumliche Größe: 10.000 - 1 Mio Menschen

- rotierende Kredite auf Gegenseitigkeit

- negativer Zins

Ansonsten Übernahme der Forderungen von Attac:

- Finanztransaktionssteuer, Börsensteuer

- Einheitssteuer auf die Gewinne der TNUs

- Vermögenssteuer auf globaler Ebene

- Beseitigung der Finanzparadise

- Aufhebung des Bankgeheimnisses

- Steuer auf Karbonemissionen

- Steuer auf hochstrahlende nukleare Abfälle

Hauptanliegen dieses Programms ist Einbeziehung aller sozialer Zusatzkosten, die durch externe Effekte verursacht werden, in das Wirtschaftlichkeitskalkül des Verursachers. Die Übernahme aller sozialen und ökologischen "Schäden" durch den Verursacher könnten zB in Form von Ökosteuern (zB: die Umweltbelastung durch den Transport, durch die Verbrennung von Treibstoff) geschehen. Eine andere Möglichkeit bestünde darin, die Verursacher zu verpflichten, evtl. Folgeschäden ihrer Produkte zu versichern. Ein Politiker, der ein solches Programm verwirklichen wollte, wäre binnen einer Woche ermordet, L erinnert in diesem Zusammenhang an Allende. Ohne eine totale Umwälzung wäre ein solches Programm allerdings nicht zu verwirklichen.

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1)Serge Latouche, Petit traité de la décroissance sereine, Paris, Mille et une nuits, 2007.

ders., Vers une société d'abondance frugale, Paris, Mille et une nuits, 2011.

ders., Le pari de la décroissance, Fayard, 2010

Denis Bayon, Fabrice Flipo, François Schneider, La Décroissance. 10 questions pour comprendre et en débattre, Paris 2010

In seinen Publikationen verweist L häufig auf Nicholas Georgescu Roegen, André Gorz und Ivan Illich.

2) Bei frugal (= einfach, sparsam, mäßig; siehe auch Tim Jackson, Wohlstand ohne Wachstum, S. 192) muss keineswegs gleich an Opfer und Entbehrung gedacht werden; von der Wortgeschichte her bedeutet frugal: Für die gute Frucht sein, ehrlich und maßvoll sein, dem langfristigen Gedeihen verpflichtet sein.

Abondance (= Überfluss, Fülle, Wohlstand) in diesem Zusammenhang ist gegeben, wenn die Gesellschaft aus dem Teufelskreis von unbegrenzter Produktion und Überkonsumption aussteigt und die Bedürfnisse entsprechend der von der Natur gesetzten Grenzen und der damit gegebenen Möglichkeiten neu definiert und dementsprechend die dafür erforderliche Produktion von Gütern und Diensten anpasst. Latouche verweist in diesem Zusammenhang auf die Studien eines amerikanischen Ethnologen (Marshall Salhins, Steinzeit, Zeitalter des Wohlstands (Âge de pierre, âge d'abondance. L'économie des sociétés primitives, Gallimard, 1972), um den Begriff eines frugalen Überflusses zu verdeutlichen: Die Gesellschaft der Jäger und Sammler ist keine Gesellschaft, in der Not herrschte, sondern es herrschte Überfluss. Es gibt zwei Formen von Überfluss: Die eigenen Bedürfnisse befriedigen, indem man viel produziert oder aber seine Bedürfnisse befriedigen, indem man wenig wünscht. In diesem letzteren Fall muss man nicht viel arbeiten, da man nur geringe Bedürfnisse hat. Das war die Entscheidung der primitiven Gesellschaften. Gibt es für die Entfaltung von Bedürfnissen keine Grenzen, kann es auch keine Fülle geben.