Weniger Wachstum, bessere Zukunft

Alle reden vom Kohleausstieg – dabei geht es um viel mehr. Klimaschutz kann nur funktionieren, wenn kurzfristiges Wirtschaftswachstum kein Selbstzweck mehr ist.

von Prof. Dr. Mojib Latif, GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel und Christian-Albrechts Universität Kiel in der ZEIT vom 1.12.2015

Der Geochemiker Roger Revelle hatte bereits vor über einem halben Jahrhundert die ungeheure Dimension der Klimabeein-flussung durch den Menschen beschrieben, indem er von einem "gigantischen Experiment" sprach, das die Menschen mit der Erde anstellten. Der Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen hat den Begriff "Anthropozän" eingeführt, um den Beginn eines neuen Erdzeitalters zu kennzeichnen, in dem der Mensch einen ähnlich großen Einfluss auf die Umwelt ausübt wie die natürlichen Kräfte.
Das Klimaproblem ist vordergründig ein Energieproblem und hängt eng mit der Verfeuerung der fossilen Brennstoffe — Kohle, Erdöl und Erdgas — zur Energiegewinnung zusammen. Dabei werden große Mengen Kohlendioxid (CO2) freigesetzt, das sich mit anderen Treibhausgasen wie Methan oder Lachgas in der Atmosphäre anreichert. Das CO2 ist hauptverantwortlich für den menschengemachten, anthropogenen Klimawandel.
 
 
Eine Begrenzung des anthropogenen Klimawandels erfordert daher ein Umdenken bei der Gestaltung der weltweiten Energiesysteme, denn ohne eine schnelle und signifikante Reduktion der CO2 Emissionen in den kommenden Jahrzehnten ist ein gefährlicher Klimawandel kaum mehr zu verhindern. Allerdings ist verlässliche und relativ günstige Energie ein wichtiger Faktor für wirtschaftliche Entwicklung und Wohlstand.

Entsprechend umfassend sind die Veränderungen, die mit einer Umgestaltung der Energiesysteme einhergehen. Auch wenn in vielen Industrie- und Schwellenländern der Anteil der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien über die letzten zehn Jahre deutlich angestiegen ist, haben diese Bemühungen bei weitem nicht ausgereicht, um den weltweiten Anstieg der CO2 Emissionen zu bremsen.

Klima

Auf dieser Seite soll der Zusammenhang von Klimawandel und wirtschaftlichen Wachstum betrachtet werden. Also z.B. gibt es so etwas wie qualtitatives Wachstum ohne Klimaschädigung.

Aus einem Interview der taz vom 2.2.2009 mit Wolfgang Sachs vom Wuppertal Institut:

In „Zukunftsfähiges Deutschland“ fordern Sie und Ihre Kollegen aber eine Wirtschaft ohne Wachstum.Wie soll das gehen?
Das ist die Jahrhundertfrage. Die Antwort kennen wir nicht. Es gibt Elemente dieser Antwort, aber kein festes Konzept. Es ist eine Frage, von der ich erwarte, dass sich darüber endlich mal die zuständige Wirtschaftswissenschaft den Kopf zerbricht. Wie kann eigentlich eine gedeihlich funktionierende Wirtschaft aussehen, die nicht wachsen muss?
Warum soll die Wirtschaft nicht wachsen?
Weil es schwer vorstellbar ist, dass die europäischen Reduktionsziele für Treibhausgase, gut
80 Prozent weniger bis 2050, auf einem Pfad jahrzehntelangem stetigen Wachstums erreicht
werden können Zwar könnte es sein, dass kurzfristig beim Umstieg auf ressourcenleichte Wirtschaft sogar Wachstum möglich ist, denn es müssen ja Bereiche wachsen wie neue Technologien, erneuerbare Energien, neue Werkstoffe, neue Transportsysteme, Bioläden und Fairtrade, aber längerfristig heißt Nachhaltigkeit, dass das Wirtschaftssystem nicht mehr auf aggregiertes Wachstum hin programmiert werden kann.

Die EU und auch die Bundesregierungehen das als den Königsweg: mit dem „grünen Wachstum“ zugleich aus der Wirtschafts- und der Ökokrise. Kann das funktionieren?
Der ökologischeUmstieg braucht einerseits Wachstum, andererseits auch Schrumpfung. Davon
spricht allerdings die Politik nicht so gern. Ökologische Wirtschaft heißt aber auch, dass das
Schlechte schrumpft und nicht nur das Gute wächst. Schrumpfen müssen also die fossile Energieindustrie, die Autoindustrie und die chemische Industrie, wie wir sie heute kennen, ebenso das Agrobusiness. Es ist eher unwahrscheinlich, dass es in der Summe von Wachsen und
Schrumpfen zu anhaltendem aggregiertem Wachstum kommt.

Aber diese Schrumpfung muss international organisiert werden. Sonst wird der Stahl eben in China produziert.
Das ist das Argument der Chemie- und Stahlindustrie beim Streit über den Emissionshandel,
und die Kanzlerin ist vor dieser uralten Drohgeste eingeknickt, statt den Ausweg zu wählen, den
Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy vorgeschlagen hatte: nämlich an der EU-Grenze einen
Energieausgleich einzuführen. Wer Produkte importiert, bei denen die darin enthaltenen Treibhausgase nicht adäquat bezahlt sind, muss an der Grenze einen Aufschlag dafür bezahlen. Dann lohnt es sich, nicht abzuwandern.

Sie sind enttäuscht von der Europäischen Union. Dabei haben Sie selbst 2005 in Ihrem
Buch „Fair Future“ Europa als den globalen Akteur bezeichnet, der auch ohne die USA in
Fragen von Umwelt und Gerechtigkeit vorangehen kann.
Deswegen ist ja das Theater um den Emissionshandel so destruktiv. Dieses Stück symbolisches
Kapital, das Europa sich da zu Hause und international aufgebaut hatte, als die USA ausfielen,
haben Merkel und die anderen Staatschefs leichtfertig aufs Spiel gesetzt, nur um der eigenen
Energie-, Zement- und Stahlindustrie ein paar Geschenke zu machen. Das eigentlich Destruktive
sind gar nicht die einzelnen Maßnahmen, sondern ist diese Wackelpolitik, die verhindert, was psychologisch notwendig ist: einen kollektiven Ruck und eine Wende, an der sich viele Leute beteiligen, weil sie sagen,mein kleiner Beitrag hat Aussicht auf Erfolg

 


 

Siehe zu diesem Thema auch das Buch im Abschnitt Wirtschaftssysteme

Ein politisches Feuilleton des Deutschland Radio Kultur am 22. April um 7:20

Wachstum oder Klima

Schmilzt die Demokratie mit den Polarkappen?

Von Mathias Greffrath
Erinnern Sie sich noch an Knut? Genau, das Eisbärenbaby vom Sommer 2007 - das war das Jahr, in dem unabweisbar wurde, dass wir angesichts der heranziehende Klimakrise unsere energie- und materialsüchtige Lebensart reformieren, Städte, Fabriken und Essgewohnheiten umbauen müssen - und das schnell. Und wir, die Bürger, waren für ein paar Schreckmonate bereit, eingreifende Veränderungen mitzutragen. Aber die Politiker forderten nichts von uns. Sie fordern es bis heute nicht.

Zwei Monate vor der Konferenz von Kopenhagen tagte die Elite der Klimaforscher in Oxford. Die meisten glaubten nicht mehr, dass die globale Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen sei, inzwischen seien eher vier Grad realistisch - und damit katastrophale Kettenreaktionen wahrscheinlich. Die Politik, so ihre Einschätzung, werde frühestens in zehn Jahren handlungsfähig sein. Kopenhagen wurde dann zur Bestätigung dieses schwarzen Ausblicks: Schuldzuweisungen, Schieberamsch, Verschleppungsdiplomatie.

Anderes geht schneller. Erinnern Sie sich noch an 2008? Das war das Jahr, in dem entschlossen und schnell weltweit Billionen an Steuergeldern mobilisiert wurden, um die Finanzmärkte zu retten; und bis heute stellt die Sorge um die Konjunktur die Furcht vorm Anstieg der Meere in den Schatten. Regierungen hoffen auf neues Wachstum der alten Art, mit ein paar Verbalgirlanden über Nachhaltigkeit.

Parlamentarier, die im Vierjahresrhythmus leben, tun sich schwer damit, Veränderungen einzuleiten, die Jahrzehnte dauern und an die tiefsten Gewohnheiten ihrer Wähler rühren. Ihr Grunddilemma heißt: Wachstum destabilisiert das Klima - denn alle Anstrengungen, mit Energie-Effizienz, Solar und Wind den CO2-Ausstoß zu verringern, sind bisher vom Wachstum zunichte gemacht worden. Und weiter: wenn wir den armen Länder ein wenig Wachstum zugestehen, müssen wir, die Reichen, unseren Energieeinsatz drastisch senken, und damit unsere Produktion.

Ein schrumpfendes Sozialprodukt im Inland aber - das ist die zweite Seite des Dilemmas - destabilisiert die Gesellschaft. Unter den jetzigen Bedingungen würde die Arbeitslosigkeit steigen und Nullwachstum eine heftige Gerechtigkeitsdebatte entzünden. Albträume für Politiker - und deshalb erstickt das Wachstumsdogma die Klimawarnungen.

Solange wir nicht akzeptieren, dass nicht das Klima, sondern das Wachstum das Problem ist - und das Klima sein Symptom - wird das auch so bleiben. Spätestens mit den ersten, nach Hunderten von Millionen zählenden Völkerwanderungen wird dann die Stunde für energische Politik schlagen - und die Stunde des Militärs. Und so ist es kein Wunder, dass in den USA die Militärs energisch nach erneuerbaren Energien und einer Reform der Lebensweise rufen. Sie erinnern an die Opferbereitschaft der Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg: Gemüsegärten, Energiesparen, Konsumverzicht halfen den Krieg gewinnen, "weil wir begriffen, was auf dem Spiel stand".

Was jetzt auf dem Spiel steht, könnte mehr Menschenleben kosten, wenn auch wohl nicht in der Lebenszeit der Wähler und Verantwortlichen von heute. Ist das der Grund, der uns unfähig zur Vorsorge macht? Über die Verdrängung der Atomkriegsgefahr sagte der Philosoph Günter Anders einst: diese Gefahr sei "überschwellig" - zu groß für unsere Vorstellungskraft. Ich glaube nicht, dass das richtig ist: In vielen Bereichen unseres Lebens richten wir unser Handeln nach Expertenwissen und abstrakte Zahlen. Und die meisten von uns haben Kinder, also ein konkretes Interesse an einer Zukunft ohne Katastrophen. Warum also bewegen wir uns nicht? Wir Bürger?

Viele tun es ja, Millionen haben ihre Energienutzung und ihren Konsum geändert. Doch diese tausende kleiner Zukunftstaten einer sich über Ansteckung verbreitenden Bürgerbewegung werden nicht schnell genug wirken.

Die Gefahr ist anerkannt, Strategien des Wandels bekannt; die Vernunft ist in der Welt, nur das Räderwerk der Demokratie klemmt. Es mangelt, sagen wir es lieber auf Englisch: an "leadership". Aber wenn unsere Regierungen es nicht vermögen, die Zukunft gegen die Widerstände von Kapital und Konsumenten zu sichern, wird für unsere Kinder und Enkel die Stunde der Notstandsregime schlagen.

Dagegen hilft nur eines: mehr und effizientere Demokratie. Glühbirnen austauschen, ist schon ganz gut, das Führungspersonal auszutauschen wird immer wichtiger. Sonst schmilzt die Demokratie mit den Polarkappen. Und das Militär dämpft die Kollateralschäden. Knut hat eine Lebenserwartung von zwanzig Jahren - es sind die zwanzig Jahre, in denen sich sehr viel entscheidet - nicht nur für die Eisbären.


Mathias Greffrath (Bild: Klaus Kallabis)
Mathias Greffrath, Soziologe und Journalist, Jahrgang 1945, arbeitet für die "ZEIT", die "tageszeitung" und ARD-Anstalten über die kulturellen und sozialen Folgen der Globalisierung, die Zukunft der Aufklärung und über Theater. Letzte Veröffentlichungen: Montaigne- Leben in Zwischenzeiten, und das Theaterstück "Windows - oder müssen wir uns Bill Gates als einen glücklichen Menschen vorstellen". Er lebt in Berlin.

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