Mentale Infrastrukturen

Wie das Wachstum in die Welt und in die Seelen kam

Von Harald Welzer
Herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung

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Vorwort

Kritik am alles dominierenden Paradigma des Wirtschaftswachstums ist mit der Finanz- und Wirtschaftskrise der letzten Jahre wieder gesellschaftsfähig geworden. Auch der Klimawandel und erst recht die japanische Nuklearkatastrophe lösen intensives Nachdenken aus. Kann unsere Wirtschaft tatsächlich ewig weiterwachsen? Ist unsere Konsumwelt eigentlich zukunftsfähig? Kann Wirtschaftswachstum in Industrieländern überhaupt ein legitimes Ziel sein, wenn die Weltwirtschaft jetzt schon an ihre ökologischen Grenzen stößt und weit mehr als eine Milliarde Menschen hungern? Werden wir so weitermachen können? Diesen Fragen geht der Sozialpsychologe und Publizist Harald Welzer im vorliegenden Essay nach.
Der Großteil der Wachstumskritik zielt auf die politische und ökonomische Sphäre des Wachstumszwangs. Die Apologeten dieser Sphären vertreten die Ansicht, die Existenz des Zinses und der internationale Standortwettbewerb bedingen den kapitalistischen Wachstumszwang. Ein weiteres Argument: Die hohen Staatsschulden und die Notwendigkeit, die sozialen Sicherungssysteme aufrecht zu erhalten und gesellschaftliche Umverteilung zu ermöglichen, zwingen zum stetigen Wirtschaftswachstum.
Wirtschaft und Politik sind sicherlich Wachstumstreiber. Aber sie sind deshalb auch zentrale Akteure, wenn es ums Umsteuern geht. Wie die Menschen – als Individuen und in gesellschaftlichen Zusammenhängen – mit dem auf Wachstum ausgerichteten Gesellschafts- und Lebensmodell auf Engste verwoben sind, das
versucht Welzer in seinem Essay auszuleuchten.
Das Wachstum als Wille und Vorstellung herrsche nicht nur in Konzernzentralen, an Börsen oder in Ministerien, argumentiert der Autor, sondern auch in unseren Köpfen. Die materiellen Güter dienten längst nicht mehr alleine den elementaren Bedürfnissen wie Nahrung, Wohnen, Gesundheit, Bildung und
Vitalität. Materielle Güter sagten auch etwas aus über den sozialen Status und über Beziehungen, über kulturelle Vorlieben.
Tatsächlich prägen sie Zugehörigkeit und Identität. Wir kennen sie alle: die Lust nach etwas Neuem, nach steigendem Einkommen, nach Besitz, nach immer exotischeren Urlaubsreisen. Die Vorstellung vom «unendlichen Wachstum» ist seit der industriellen Revolution gleichsam in unseren emotionalen und kognitiven Haushalt eingebettet, so Welzer. Das äußert sich etwa in Karrierewünschen und
Aufstiegsplänen im Job, ebenso in der Selbstfindungssuche nach dem «wahren Ich» oder einer «höheren Erkenntnisstufe». Der moderne Mensch ist der Schmied seines eigenen Glückes, er will etwas aus seinem Leben machen, und zwar nicht nur einmal, sondern immer wieder aufs Neue, um stetig seine Zufriedenheit zu steigern. «Das Neue liefert Vielfalt und Aufregung und lässt uns träumen und hoffen. Mit seiner Hilfe können wir Träume und Sehnsüchte nach einem idealen Leben erforschen und der gelegentlich doch recht harten Lebensrealität entkommen» – so auch Tim Jackson in seinem Buch Wohlstand ohne Wachstum.
Diese Lust nach Neuem, nach Konsum und Wachstum ist, wie Harald Welzer in seinem Essay zeigt, als «mentale Infrastruktur» in den Wünschen, Hoffnungen und Werten jedes Einzelnen, in unseren Innenwelten verankert. So kommt es, dass das System nicht nur die «Lebenswelt» (Habermas) kolonialisiert, sondern dass wir durch unsere Lebenswelt auch das System konstruieren, das wir «verdienen».
Auch wenn Harald Welzers Erkenntnis zunächst theoretisch und abstrakt erscheint, so hat sie doch ganz unmittelbare praktische und politische Konsequenzen: Die «große Transformation», die unsere Gesellschaft in eine nachhaltige Zukunft beamen und den Kollaps der Biosphäre verhindern soll, verlangt eben nicht
nur technische und politische Lösungen. Sie hat auch eine sozial-psychologische und kulturelle Dimension. Ökonomische Innovationen und veränderte Rahmenbedingungen, Solarpanels und Ökosteuern alleine reichen nicht. Nachhaltigkeit erfordert auch soziale Innovationen und eine gesellschaftliche Transformation.
Hier knüpft Welzer an vier Jahrzehnte Diskussion über nachhaltige Lebensstile, Suffizienz und ethisches Konsumverhalten an und hebt die Lebensstil-Debatte in eine neue Dimension. Es geht nämlich nicht bloß darum, Empfehlungen für korrektes Verhalten auszusprechen, also gut gemeinte Ratschläge zu erteilen, doch bitte mal aufs Auto zu verzichten oder weniger Fleisch zu essen.
Ebenso wenig reicht es aus, sich zu fragen, wie viel materieller Besitz für die persönliche Zufriedenheit genug wäre. Das zeigen nicht zuletzt die postmodernen «Lohas» («lifestyle of health and sustainability»), die oft ein sehr hohes und trotzdem einen immer noch viel zu großen ökologischen Reise als Beitrag zur Selbstverwirklichung und individuellen Zufriedenheit. Wenn die große Transformation gelingen soll, dann muss eine noch tiefere Ebene der Selbstreflexion einbezogen werden: Wir müssen die Mechanismen und Prinzipien durchschauen, auf denen unsere Ideale und Wünsche, unsere Vorstellungen und Empfindungen von Zufriedenheit fußen. Denn diese werden durch unsere mentalen Infrastrukturen ein gutes Stück vorgegeben.
Welzer zeigt, wie wir uns als Gestalterinnen und Gestalter unserer eigenen Persönlichkeitsentwürfe und Biographien laufend selbst zum (Konsum-)Wachstum, zum Mehr antreiben. Dies zu erkennen, ist der erste Schritt in die richtige Richtung. Und dies wiederum ist die Grundlage, um den Wachstumszwang
nicht nur vom System zu lösen, sondern «in uns drinnen», in unseren mentalen Infrastrukturen aufzulösen. Womöglich werden wir dann dem Wunsch nach «Weniger ist mehr» näher kommen oder die Frage «Wie viel ist genug für ein gutes Leben?» anders beantworten können. Um diese mentalen Infrastrukturen zu verändern, braucht es zweierlei: neue Leitvorstellungen, aber auch das aktive, konkrete Ausprobieren von neuen Lebensentwürfen. Mit dem Dreiklang «Fortschritt», Wohlstand» und «Wachstum», der seit der Industrialisierung unsere mentalen Infrastrukturen prägt, kann jedenfalls kaum eine verantwortungsvolle, nachhaltige und auf Fairness zielende Gesellschaft begründet werden. Wie aber können wir das «rastlose Begehren» umdrehen in ein erfülltes Leben, das nicht ständig nach Neuem schreit? Wir brauchen, sagt Harald Welzer, eine Geschichte, die wir über uns selbst erzählen können – und zwar aus der Perspektive einer möglichen Zukunft: Wer möchte ich einmal gewesen sein? Wie möchte ich die Welt in 20 Jahren eingerichtet sehen, wie möchte ich sie meinen Kindern hinterlassen?
Die Frage zu beantworten, wie man im Jahr 2030 oder 2050 gelebt haben möchte, und darüber Visionen zu entwickeln, die Menschen bewegen und neue Identitäten stiften, kann nicht nur abstrakt gelingen. Sie muss das Ausprobieren von konkreten Lebensentwürfen einbeziehen. Denn das «business-as-usual» der
uns allgegenwärtig umgebenden materiellen und institutionellen Infrastrukturen (Supermärkte, Autobahnen, Allverfügbarkeit und Leistungsdruck) haben eine ungeheure Macht, weil wir uns täglich in ihnen bewegen und sie deshalb zwangsläufig bejahen oder unterstützen. Erst wenn jede(r) für sich konkret lebt und erlebt, wie sie und er sich eigentlich wünschen zu leben, erst dann können sich die mentalen Infrastrukturen verändern.
Deswegen ist es dann doch wichtig, einfach vom Auto häufiger auf den Zug umzusteigen, statt der exotischen Ferne die Region auszukundschaften, statt der Karriere mal die Familie oder mehr Zeit im Freundeskreis vorzuziehen. Nicht weil solches Handeln gleich die Welt verbessern würde; dazu bleibt es zu singulär und machtlos. Aber weil es jedem Einzelnen eine bessere Vorstellung und Gewissheit vermitteln kann, wie es sich nachhaltig gut leben lässt. Es geht also auch darum, Angst und Hemmschwellen abzulegen, Neues auszuprobieren, im sozialen Miteinander und im besseren Einklang mit den natürlichen Lebensgrundlagen. Erst wenn sich der Protest gegen das Fliegen und nicht gegen die Flughäfen wendet, bringt Welzer es auf den Punkt, bietet er eine handfeste Intervention gegen die materiellen,
institutionellen und mentalen Infrastrukturen des Wachstumszeitalters.
Auf Basis von wachstumsbefriedeten ökonomischen und gesellschaftlichen Leitbildern wird es dann vielleicht auch eher gelingen, gegen den Wachstumszwang anzugehen, der unser System bestimmt. Bei sich selbst anzufangen sitzt dann nicht nur der Vorstellung auf, die Gegenwart gleich verbessern zu können.
Wenn wir im Kleinen Formen des Gemein-Wirtschaftens («commoning») praktizieren, die jenseits der Marktökonomie auf Reziprozität und Austausch und nicht auf Profitsteigerung ausgerichtet sind, dann können hieraus auch die Umrisse einer Postwachstumsökonomie entwickelt und eine Gesellschaft greifbarer gemacht werden, die die ökologischen Grenzen der Erde anerkennt.

Berlin, im April 2011
Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung
Tilman Santarius, Referent für Internationale Klima- und Energiepolitik