Reader

wachstumsKritik

 

Für die Sommerakademie 2010 in Hamburg wurde ein Reader zusammengestellt, der jetzt auf unsere Webseite übernommen wurde:

Texte und Positionspapiere zu Wachstum, Grenzen des Wachstums und Postwachstum

Zusammengestellt von der attac Vorbereitungsgruppe für den Wachstumskongress 2011

Weltwirtschaftskrise – Biokrise - Wachstumskrise
Der Kapitalismus befindet sich in einer historischen Strukturkrise. Zu steigender Armut,
Massenarbeitslosigkeit und Machtkonzentrationen auf Seiten von Unternehmen und Regierungen im Norden wie im Süden sind als Folge der zweiten Weltwirtschaftskrise die steigende Staatsverschuldung und die Plünderung öffentlicher Kassen hinzugekommen. Angesichts dieser grundlegenden sozialen, ökologischen und ökonomischen Krisen verharren die herrschenden Klassen offensichtlich politisch weiterhin in einer Sackgasse. Sie haben – wie wir es an der Bundesregierung beobachten können – als Ausweg aus der Krise nichts anderes anzubieten als auf Wachstum zu setzen – allerdings bei gleichzeitiger Austeritätspolitik/Sozialkahlschlag. Die Ursache der Krise, die Entstehung von enormen Finanzblasen von Vermögensansprüchen, werden nicht angegangen.
Mit der Krise des neoliberalen finanzmarktgetriebenen Wachstumsmodells und der Krise des
fossilistischen Industrialismus, wie sie sich mit der Klimakrise und Peak Oil, des Fördermaximums von Erdöl, und der generellen Krise der natürlichen Lebensgrundlagen (Biokrise) zuspitzt, ist die Frage des ökonomischen Systems wieder auf der Tagesordnung. Im politischen Handgemenge wird heftig über makro-ökonomische Konzepte gestritten: neoliberale Austeritätspolitik vs. Neo-Keynesianismus und bisweilen auch Öko-Keynsianismus. Mit dem Beginn der zweiten Phase der Weltwirtschaftskrise, der Eurozonen-Turbulenzen, bietet sich ein Möglichkeitsfenster, dass soziale Bewegungen bei den ökonomischen Weichenstellungen wieder eine größere Rolle spielen. In diesem Kontext nimmt ein neuer Zyklus von wachstumskritischer Debatte an Fahrt auf.
Mindestens vier wichtige Fragen stellen sich vor diesem Hintergrund:
1. Welche Wachstumspotentiale haben die Ökonomien im Norden angesichts sinkender
Wachstumsraten überhaupt noch? Oder befindet sich Wachstumspolitik in einer ökonomischen
Sackgasse? Lassen sich Modelle von Wachstum identifizieren, die Umwelt-/Klimagerechtigkeit
ermöglichen oder ist die Entkopplung von Wachstum und Naturverbrauch eine Illusion? Welche
alternativen Gesellschafts- und Wirtschaftsmodelle öffnen solidarische Wege hin zu einer
„Postwachstumsgesellschaft“, d.h. Unter welchen Bedingungen führt eine Postwachstumsökonomie
zum Ziel der Verwirklichung globaler sozialer Rechte?
2. Welchen Einfluss hat Wirtschaftswachstum auf Fragen der Verteilungsgerechtigkeit? Ist es eine
Bedingung für den Wohlstand aller, oder wird es vermehrt zu einem Hindernis für menschenwürdiges Leben im Norden und im globalen Süden? Mit anderen Worten, dürfen die Ökonomien im Norden noch wachsen, oder verschärft der Wachstumspfad unweigerlich globale Ungerechtigkeit und Ungleichheit?
3. Verspricht Wachstum die Grundlagen für ein „gutes Leben/bien vivir“, oder wird es immer mehr zum Hindernis auf dem Weg dorthin? Stellt die Vorstellung einer „Postwachstumsgesellschaft“ eine Drohung dar, oder eröffnet sie Räume für mehr soziale und demokratische Gestaltung und für die Schaffung von reellen Bedingungen für ein gutes Leben? Was ist unter einem “guten Leben” zu verstehen? Werden die Möglichkeiten zu individueller Lebensgestaltung eingeschränkt oder erweitert, wenn der Wachstumszwang entfällt?
4. Die Konzepte Wachstumskritik und Postwachstumsökonomie haben zunächst einmal keinen soziale Gehalt, sprich neben emanzipatorischen, sozial-ökologischen gibt es auch neoliberale und/oder neofeudalistische Vorstellungen von einer Postwachstumsgesellschaft. Wie sehen
neoliberale/neofeudalistische Postwachstumskonzepte aus und wie grenzen wir uns von diesen ab?

Wachstumskritik in Attac
Auch in Attac wird zu Wachstum diskutiert, und seit November 2010 arbeitet eine Vorbereitungsgruppe an einem für das Frühjahr 2011 geplanten Kongress in Berlin mit dem Arbeitstitel Jenseits der Wachstumsgesellschaft?! Diese Diskussion bringt viele für sicher gehaltene Vorstellungen ins Wanken und eröffnet neue Horizonte um über Alternativen und konkrete Utopien nachzudenken. Um in das Thema Wachstumskritik einzuführen, haben wir in diesem Reader einige grundlegende Texte zusammengestellt.
Zuerst einen Text von einem, der von vielen immer noch als der Vordenker von Wachstumsökonomie:
John Maynard Keynes. In diesem Aufsatz “Die wirtschaftlichen Möglichkeiten unserer Enkel” aus dem Jahr 1930 – also vom Anfang der letzten großen Weltwirtschaftskrise – wagt Keynes einen Blick in die Zukunft, ins Jahr 2030. Dass es bei dieser Zukunft nicht um Wachstum ging, sondern um eine stagnierende Ökonomie und um radikale Arbeitszeitverkürzung, könnt ihr dort selbst nachlesen.
Karl Georg Zinn – einer der wichtigsten deutsch-sprachigen keynesianischen Ökonomen – setzt bei
diesem Aufsatz von Keynes an und beschäftigt sich in seinem Aufsatz “Sättigung oder zwei Grenzen des Wachstums” mit makroökonomischen Herausforderungen, die sich aus der Sättigung des kapitalistischen Ökonomie ergeben, und mit den Chancen des Überflusses.

Barbara Muraca und Tanja von Egan-Krieger setzen sich an der Universität Greifswald mitNachhaltigkeit auseinander und sind auch an der Vorbereitung des „Wachstumskongresses“ beteiligt.Sie stellen zunächst infrage, ob es überhaupt ein „nachhaltiges Wachstum“ geben kann und reflektieren dann den Zusammenhang von Wachstum und Lebensqualität:
Abschied von Wachstumsideologie: Warum Wachstum in den Industrieländern weder erreichbar noch wünschenswert ist.


Der Wachstumskritiker Andreas Exner aus Österreich weist aus einer kapitalismuskritischen
Perspektive darauf hin, dass zahlreiche Formen aktueller Wachstumskritik Herrschafts- und
Produktionsverhältnisse nicht in Frage stellen und daher ein elitäres Projekt seien:
Capitalism in Ermergency - Profit ohne Wachstum?


Als letztes haben wir einen Text von Massimo Maggini ausgesucht. Denn bei der Diskussion über
Postwachstum können wir viel lernen von sozialen Bewegungen in Südeuropa. Dort gibt es unter dem Stichwort Decroissance (oder Decrecita, Decreixement) eine vielfältige wachstumskritische Diskussion und Praxis, die – mit der notwendigen kritischen Distanz – von Maggini vorgestellt wird:
Was heißt "Decroissance"? Ein nüchterner Blick auf einen interessanten Vorschlag


Ergänzt werden diese Texte durch zwei Positionspapiere aus attac-Zusammenhängen:

Werner Rätz /attac AG genug für alle: Es ist genug für alle da - auch ohne Wachstum
und Conny Baudisch, Hartwig Daniels, Roman Haug, Bruno Kern, Theo Tekaat / attac Mainz:
12 Mainzer Thesen wider den globalen Kollaps

Viel Spaß beim Lesen wünschen Andrea Vetter, Matthias Schmelzer, Alexis Passadakis

Mehr Infos:
www.attac.de/jenseits-des-wachstums
www.postwachstum.net