Drang und Zwang

Aus dem Buch "Die Grenzen des Kapitalismus" von Andreas Exner, Christian Lauk und
Konstantin Kulterer:

Drang und Zwang

 

 

 

Artikel "Blühende Wirtschaft" von Robert Kurz

 

 

Aus dem Buch "Einführung in das Studium von Marx, Engels und Lenin" von Josef Schleifstein,
Neue Impulse Verlag   

Lohnarbeit, Kapital, Mehrwert

Marx geht bei der Untersuchung des kapitalistischen Eigentums an den Produktionsmitteln, bei der Erforschung der Entstehungsgeschichte des Kapitals davon aus, daß Warenproduktion und entwickelte Warenzirkulation, also Handel, die historischen Voraussetzungen des Kapitals bilden, daß dessen Lebensgeschichte durch den Welthandel und den Weltmarkt im 16. Jahrhundert eröffnet wird. Das Geld, das letzte Produkt dieses Prozesses, wird auch zur ersten Erscheinungsform des Kapitals. Die unmittelbare Form der Warenzirkulation ist die Verwandlung von Ware in Geld und dessen Rückverwandlung in Ware (W-G-W), also verkaufen, um zu kaufen. Neben dieser Form ist aber noch eine zweite anzutreffen, die Verwandlung von Geld in Ware und dessen Rückverwandlung in Geld (G-W-G), also kaufen, um zu verkaufen. Das Geld, das in seiner Bewegung die letztere Zirkulation beschreibe, verwandle sich in Kapital, werde Kapital und sei schon seiner Bestimmung nach Kapital, erklärt Marx. Diese Operation wäre aber für den Kapitalisten ökonomisch völlig zwecklos, wenn an ihrem Ende die gleiche Geldsumme stünde wie am Anfang. Die vollständige Formel dieser Bewegung lautet in Wirklichkeit: G-W-G', d. h. das Ergebnis ist eine höhere Geldsumme als die vorgeschossene.

Diesen Überschuß über den ursprünglichen Wert nennt Marx den Mehrwert (surplus value): «Der ursprünglich vorgeschossene Wert», schreibt Marx, «erhält sich daher nicht nur in der Zirkulation, sondern in ihr verändert er seine Wertgröße, setzt einen Mehrwert zu oder verwertet sich. Und diese Bewegung verwandelt ihn in Kapital». Marx verweist auf den fundamentalen Unterschied der beiden Kreisläufe. Der Verkauf für den Verkauf, die Warenzirkulation, dient der Aneignung von Gebrauchswerten, der Befriedigung von Bedürfnissen. Die Zirkulation des Geldes als Kapital aber ist Selbstzweck, denn die Verwertung des Werts existiert nur innerhalb der stets erneuerten Bewegung: «Als bewußter Träger dieser Bewegung wird der Geldbesitzer Kapitalist. .. der objektive In­halt jener Zirkulation — die Verwertung des Werts — ist sein subjektiver Zweck, und nur soweit wachsende Aneignung des abstrakten Reichtums das allein treibende Motiv seiner Operationen, funktioniert er als Kapita­list oder personifiziertes, mit Willen und Bewußtsein begabtes Kapital.» Nicht der Gebrauchswert, auch nicht der einzelne Gewinn sei Zweck des Kapitalisten, sondern nur die rastlose Bewegung des Gewinnens. Diesen absoluten Bereicherungstrieb habe er mit dem Schatzbildner gemein, aber während der Schatzbildner, der das Geld vor der Zirkulation zu retten suche, nur der verrückte Kapitalist sei, sei der Kapitalist, der es stets von neuem der Zirkulation preisgebe, der rationelle Schatzbildner."

Woher kommt der Zuwachs des Kapitals, woher kommt der Mehrwert? Diese Frage untersucht und beantwortet Marx auf streng wissenschaftlich-ökonomischem Wege. Der Mehrwert kann nicht daher rühren, daß der Käufer etwa die Waren unter dem Wert kauft, oder daß der Verkäufer sie über dem Wert verkauft. Denn dann würden sich Verluste und Gewinne insgesamt ausgleichen. Er kann auch nicht aus irgendeiner Übervorteilung stammen, denn so könnte sich zwar ein Kapitalist auf Kosten des anderen bereichern, aber die ganze Klasse der Kapitalisten kann sich nicht über­vorteilen. Durch Kauf und Verkauf kann sich nicht die Summe der zirku­lierenden Werte vermehren. Die Wertvergrößerung des Geldes, das sich in Kapital verwandeln soll, kann also weder an diesem Geld vor sich ge­hen, noch aus dem Kauf oder Verkauf der Ware stammen. Sie muß erfol­gen mit der Ware, die gekauft wird, aber nicht mit ihrem Wert, da sie zu ihrem Wert gekauft und verkauft wird, sondern mit ihrem Gebrauchs­wert; die Wertvergrößerung muß aus dem Verbrauch der Ware entsprin­gen. «Um aus dein Verbrauch einer Ware Wert herauszuziehen», schreibt Marx, «müßte unser Geldbesitzer so glücklich sein, innerhalb der Zirku­lationssphäre, auf dem Markt eine Ware zu entdecken, deren Gebrauchs­wert selbst die eigentümliche Beschaffenheit besäße, Quelle von Wert zu, sein, deren wirklicher Verbrauch also selbst Vergegenständlichung von Arbeit wäre, daher Wertschöpfung. Und der Geldbesitzer findet auf dem Markt eine solche spezifische Ware vor — das Arbeitsvermögen oder die Arbeitskraft.»

Marx zeigte, daß zur Verwandlung von Geld in Kapital einige histori­sche Vorbedingungen erfüllt sein müssen. Es müssen Menschen vorhanden sein, die — zum Unterschied vom Sklaven des Altertums und vorn Leib­eigenen und Hörigen des Mittelalters — freie Eigentümer ihres Arbeitsver­mögens, ihrer Person sind. Andererseits muß diese Gruppe von Menschen noch in einem weiteren Sinne «frei» sein, nämlich frei von den zur Ver­wirklichung ihres Arbeitsvermögens notwendigen materiellen Mitteln, frei vom Eigentum an Produktionsmitteln, und daher gezwungen, ihre Arbeits­kraft an den Eigentümer der Produktionsbedingungen zu verkaufen.
Es leuchtet ein, daß dieses Verhältnis kein naturgeschichtliches ist, denn die Natur produziert nicht auf der einen Seite Geld- oder Warenbesitzer und auf der anderen bloße Besitzer der eigenen Arbeitskraft. Es ist dies aber auch kein allen Geschichtsperioden gemeinsames gesellschaftliches Verhältnis, sondern das Produkt vieler ökonomischer Umwälzungen, des Untergangs einer ganzen Reihe älterer Formationen der gesellschaftlichen Produktion (diese Entwicklung war in der Einleitung zu diesem Abschnitt kurz skizziert worden). Was also die kapitalistische Epoche kennzeichnet, erläutert Marx, sei, daß die Arbeitskraft für den Arbeiter selbst die Form einer ihm gehörigen Ware annehme, und seine Arbeit daher die Form der Lohnarbeit erhalte.

Marx zeigt nun, daß die Arbeitskraft, die der Arbeiter gezwungen ist, als Ware feilzubieten, wie jede andere Ware einen Wert besitzt, und daß dieser ebenso wie bei den anderen Waren bestimmt wird durch die zu ih­rer Produktion, also auch Reproduktion, notwendige Arbeitszeit. Diese Arbeitszeit löst sich auf in die zur Produktion der Lebens- und Existenz­mittel notwendige Arbeitszeit, die der Arbeiter braucht, um seine Arbeits­kraft zu erhalten. Damit die Arbeitskräfte nicht aussterben, müssen diese Mittel auch ausreichen, seine Familie ernähren und Kinder aufziehen zu können.
Im Gegensatz zu anderen Waren enthält die Wertbestimmung der Ar­beitskraft ein historisches und moralisches Element. Der Umfang der so­genannten notwendigen Bedürfnisse und die Art ihrer Befriedigung sind verschieden, sie hängen von historischen Bedingungen, von der Kultur­stufe eines Landes, von den Gewohnheiten und Lebensansprüchen ab, unter denen sich die Klasse der Lohnarbeiter herausgebildet und entwik­kelt hat. Für ein bestimmtes Land und eine bestimmte Periode ist aber der Durchschnitt der notwendigen materiellen und kulturellen Lebensmittel gegeben.
Der Gebrauchswert der Arbeitskraft zeigt sich erst in ihrem Verbrauch, in ihrem «Konsumtionsprozeß», der zugleich der Produktionsprozeß von Ware und Mehrwert ist. Dem Kapitalisten gehört sowohl der Gebrauchs­wert der Arbeitskraft wie das im Arbeitsprozeß erzeugte Produkt. Im Pro­duktionsprozeß will der Kapitalist zweierlei erzielen: er will einmal einen Gebrauchswert produzieren, der einen Tauschwert hat, eine zum Verkauf bestimmte Ware. Außerdem aber will er eine Ware produzieren, deren Wert höher ist als die zu ihrer Herstellung benötigten Produktionsmittel und Arbeitskräfte. Er will nicht nur Wert, sondern auch Mehrwert erzeu­gen."
Wie entsteht nun der Mehrwert? Unter den Bedingungen der kapitali­stischen Produktion, die ein gewisses Niveau der Arbeitsproduktivität vor­aussetzt, benötigt der Arbeiter für die Erzeugung des dem Wert seiner Ar­beitskraft entsprechenden Wertes nur einen Teil des Arbeitstages. Der Ka­pitalist aber hat die Arbeitskraft des Arbeiters für den vollen Arbeitstag gekauft, und ihm gehört daher auch der während der gesamten Arbeitszeit geschaffene Wert. Der Arbeiter kostet also beispielsweise den Kapitalisten nur ein Wertprodukt von 3 oder 4 Arbeitsstunden, liefert ihm aber ein Wertprodukt von 8 Arbeitsstunden. Diese Differenz zwischen dem Wert der Arbeitskraft und dem vom Arbeiter geschaffenen Wert, die unbezahlte Mehrarbeit, das unbezahlte Mehrprodukt, das der Kapitalist sich aneignet, nennt Marx den Mehrwert.
Er weist nach, daß der Kapitalist, indem er Geld in Waren verwandelt, die als Stoffbildner eines neuen Produkts dienen, indem er ihrer «toten Gegenständlichkeit lebendige Arbeitskraft einverleibt», er zugleich Wert vergangene, vergegenständlichte, tote Arbeit — in Kapital, in sich selbst verwertenden Wert verwandelt. Der im Produktionsprozeß vor sich ge­hende Wertbildungsprozeß wird, über einen gewissen Punkt hinaus ver­längert, zum Verwertungsproze «Man sieht: der früher aus der Analyse der Ware gewonnene Unterschied zwischen der Arbeit, soweit sie Ge­brauchswert, und derselben Arbeit, soweit sie Wert schafft, hat sich jetzt als Unterscheidung der verschiedenen Seiten des Produktionsprozesses dargestellt. Als Einheit von Arbeitsprozeß und Wertbildungsprozeß ist der Produktionsprozeß Produktionsprozeß von Waren; als Einheit von Ar­beitsprozeß und Verwertungsprozeß ist er kapitalistischer Produktions­prozeß, kapitalistische Form der Warenproduktion. »
Die Aneignung unbezahlter Arbeit durch den Kapitalisten, die Ausbeu­tung des Lohnarbeiters, wie die Ausbeutung der Sklaven oder Leibeigenen, ist völlig unabhängig davon, ob der Arbeiter bessere Kleidung, Nahrung, Behandlung und einen besseren Lohn erhält. Das heiße nur, daß Umfang und Wucht der goldenen Kette, die der Lohnarbeiter sich bereits ge­schmiedet habe, eine losere Spannung erlauben. «In den Kontroversen über diesen Gegenstand», sagt Marx, «hat man meist die Hauptsache übersehen, nämlich die differentia specifica der kapitalistischen Produk­tion. Arbeitskraft wird hier gekauft, nicht um durch ihren Dienst oder ihr Produkt die persönlichen Bedürfnisse des Käufers zu befriedigen. Sein Zweck ist Verwertung seines Kapitals, Produktion von Waren, die mehr Arbeit enthalten, als er zahlt, also einen Wertteil enthalten, der ihm nichts kostet und dennoch durch den Warenverkauf realisiert wird. Produktion von Mehrwert oder Plusrnacherei ist das absolute Gesetz dieser Produk­tionsweise.»
Marx hat gezeigt, daß nicht jedes Produktionsmittel, jedes Werkzeug, jeder Rohstoff, die zu irgendeiner Zeit irgendjemandem zur Produktion dienen, nur deshalb bereits Kapital sind. Zu Kapital werden sie erst infolge bestimmter gesellschaftlich-historischer Bedingungen, nämlich wenn sie Eigentum des Kapitalisten sind, Mittel zur Ausbeutung von Lohnarbeit. Mehrarbeit über die zur Sel.bsterhaltung des Arbeiters nötige Zeit hinaus und Aneignung des Produkts dieser Mehrarbeit durch andere, also Aus­beutung des arbeitenden Menschen, ist keineswegs die Erfindung des Ka­pitals, sie findet statt in jeder ökonomischen Formation, in der das Eigen­tum an den Produktionsmitteln Monopol eines Teils der Gesellschaft ist. Zu Kapital werden Produktionsmittel erst dann, wenn der Eigner der Pro­duktionsmittel den frei über seine Arbeitskraft verfügenden, aber sonst besitzlosen Arbeiter vorfindet, dessen Arbeitskraft für die Produktion von Waren verwendet und die Mehrarbeit die Form von Mehrwert annimmt. «Das Kapital», sagt Marx, «ist verstorbene Arbeit, die sich nur vampir­mäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und umsomehr lebt, je mehr sie davon einsaugt.»

 

In Wahrheit verbirgt sich also hinter dem Begriff des Kapitals ein gesellschaftliches Verhältnis, das Verhältnis zwischen dem Eigentümer an den Produktionsmitteln und dem Lohnarbeiter unter den spezifischen Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise. Nicht die Produktionsmittel an sich besitzen die wunderbare Eigenschaft, ihrem Besitzer ein nicht durch Arbeit erworbenes Einkommen zu sichern; das vermag nur jene vom Kapitalisten ebenfalls erworbene Ware — die Arbeitskraft des Lohnarbeiters. In seinen bereits 1849 in der veröffentlichten Aufsätzen schreibt Marx: «Wie nun wird eine Summe von Waren, von Tauschwerten zu Kapital? Dadurch, daß sie als selbständige gesellschaftliche Macht, d. h. als die Macht eines Teils der Gesellschaft sich erhält und vermehrt durch den Austausch gegen die unmittelbare, lebendige Arbeit. Die Existenz einer Klasse, die nichts besitzt als die Arbeitsfähigkeit, ist eine notwendige Voraussetzung des Kapitals. Die Herrschaft der aufgehäuften, vergangenen, vergegenständlichten Arbeit über die unmittelbare, lebendige Arbeit macht die aufgehäufte Arbeit erst zum Kapital. Das Kapital besteht nicht darin, daß aufgehäufte Arbeit der lebendigen Arbeit als Mittel zu neuer Produktion dient. Es besteht darin, daß die lebendige Arbeit der aufgehäuften Arbeit als Mittel dient, ihren Tauschwert zu erhalten und zu vermehren.» Deshalb bezeichnet Marx das Kapital als ein «gesellschaftliches Produktionsverhältnis», ein «Produktionsverhältnis der bürgerlichen Gesellschaft».

Im Rahmen der vorliegenden Einführung in die Theorie des Marxismus ist es nicht möglich, die von Marx untersuchten ökonomischen Kategorien im einzelnen darzustellen, also z. B. die verschiedenen Formen des Mehrwerts, die Mehrwertrate als den Ausbeutungsgrad des Arbeiters, den Arbeitslohn als Preis der Ware Arbeitskraft usw. zu erläutern. Es sei für das Verständnis der folgenden Ausführungen dieses Abschnitts noch auf die von Marx getroffene Unterscheidung der verschiedenen Kapitalteile in konstantes und variables Kapital hingewiesen. Marx weist nach, daß der Teil des Kapitals, den der Unternehmer für den Erwerb von Produktionsmitteln — Fabrikanlagen, Maschinen, Rohstoffen, Energie usw. — verwendet, seine Wertgröße im Produktionsprozeß nicht verändert. Er nennt ihn daher konstantes Kapital. Hingegen verändert der in Arbeitskraft umgesetzte Teil des Kapitals seinen Wert im Arbeitsprozeß, da er ja, wie wir sahen, nicht nur sein eigenes Äquivalent, sondern einen Überschuß — Mehrwert — erzeugt. Marx nennt ihn daher den variablen Kapitalteil oder variables Kapital. «Dieselben Kapitalbestandteile», schreibt er, «die sich vom Standpunkt des Arbeitsprozesses als objektive und subjektive Faktoren, als Produktionsmittel und Arbeitskraft unterscheiden, unterscheiden sich vom Standpunkt des Verwertungsprozesses als konstantes Kapital und variables Kapital.»"